Guardiolas Positionsspiel in München

Pep Guardiola wird oft mit einer romantischen Denkweise in Verbindung gebracht, er möchte schönen und attraktiven Fußball spielen und gewinnen. Oftmals wird ihm vorgeworfen, seine Teams sterben in Schönheit und sind nicht zielstrebig genug, er hat keinen Plan B, da er immer nur den Ball haben will. Dabei ist Guardiola in der Tat ein Trainer der auch einen Plan B und sogar C hat, allerdings immer auf der Basis des Positionsspiels, dass ihm Johan Cruyff in Barcelona beibrachte. Guardiola will immer gewinnen, nur er glaubt, dass sein Weg der erfolgsversprechendste ist. Ich möchte hier einen Blick auf Guardiolas Spielweise im Allgemeinen und speziell in München werfen.

Das Positionsspiel

Ziel beim Positionsspiel ist es sich auf dem Platz richtig zu organisieren, um ein möglichst flüssiges Kombinationsspiel zu ermöglichen. Dafür ist es wichtig die entscheidenden Räume auf dem Spielfeld zu beherrschen. Dazu wird das Feld in 5 vertikale Bahnen unterteilt. Darüberhinaus auch noch in verschiedene horizontale Bahnen.

The only important things in our game are what happens within these 4 lines. Everything else is secondary.”

Pep Guardiola

Die außen sind dabei einfach besetzt, da sie die strategisch unwichtigsten Räume sind, und durch die begrenzte Spielrichtung durch einfache Besetzung kontrolliert werden können. Unter Pep Guardiola besetzte Bayern den Halbraum mit maximal zwei Spielern, die Außen nur mit einem Akteur. Auf der gleichen horizontalen Linie befanden sich nur drei Spieler. Dadurch entstand automatisch ein strukturiertes Dreiecksspiel und der Ballführende hatte ausreichend Anspielstationen.

fc-bayern-positionsspiel

Wie hier zu sehen hat der Ballführende eine Anspielstation auf seiner Linie als sichere Ausweichoption. Entscheidender sind aber seine drei Anspielmöglichkeiten nach vorne. Ein Akteur befindet sich in der Mitte, einer im Halbraum und einer auf außen. Durch die Positionierung hat der Ballführende eine vertikale Anspielstation und zwei Diagonale. Diagonale Pässe sind risikoloser als vertikale Pässe, allerdings auch schwieriger für den Gegner zu verteidigen, da der Passempfänger nicht mit dem Rücken zum Spielfeld steht.

El Hombre libre

Um nun durch das Kombinationsspiel gefährlich zu werden, nutzt man das Prinzip des freien Mannes. Ziel der Bayern während ihres eigenen Ballbesitzes war es, einen Spieler in einer gefährlichen Zone frei zu spielen. Um dies zu erreichen wurden viele Seiten- und Spielverlagerungen genutzt, die im Kombinationsspiel vorbereitet wurden.

The objective is to move the opponent, not the ball.”

Pep Guardiola

Zumeist bildete Bayern auf der einen Seite/ in einem Halbraum eine Überzahl, und versuchte entweder durch diese Überzahl gefährlich zu werden, jedoch war das Hauptziel durch eine schnelle Verlagerung den Gegner in Bewegung zu bringen und einen freien Mann auf der anderen Seite zu erhalten.

when you start on the right, it is better to finish on the left end“

-Pep Guardiola

Bayern Struktur Ballbesitz.PNG

Hier wird es an einem Beispiel deutlich. Götze hat auf dem rechten Flügel den Ball. Lahm auf der gleichen horizontalen Linie, Alonso auf der hinteren und Müller auf der vorderen Linie unterstützen Götze und bilden auf der Raute. Borussia Dortmund schafft es ein 4vs4 herzustellen, muss allerdings weit auf diese Seite verschieben. Lewandowski schafft es zusätzlich, die Dortmunder Abwehr zu binden und nach hinten zu drücken.

Bayern hat aus dieser Situation heraus mehrere Optionen Costa auf der anderen Seite freizuspielen, und ihn in ein ungleiches 1vs1 Duell zu Gunsten der Bayern zu schicken. Einerseits kann durch einen langen Seitenwechsel durch Alonso oder Boateng auf Costa verlagert werden. Ebenso ist eine Verlagerung über die Abwehrreihe möglich, allerdings ist der effektivste Weg eine Verlagerung über Lahm und Thiago. Thiagos Positionierung ist entscheidend, er ist der Verbindungsspieler, steht er zu hoch oder zu tief ist eine schnelle flache Verlagerung nicht möglich.

Sollte Costa ein 1vs1 erhalten, kann er entweder Richtung Grundlinie durchbrechen und den Ball hereingeben, oder selbst durch ein diagonales Dribbling zum Abschluss kommen. Schafft er durch gutes Verschieben des Gegner es nicht ein 1vs1 zu erhalten, wird das gleiche Prozedere auf der linken Seite wiederholt, was oftmals dazu führt, das der Betrachter Bayerns Kombinationsspiel als Handball um den Sechzehner ansieht.

Druck provozieren

druck-provouieren

Hier sind man exemplarisch wie Bayern den freien Mann noch finden kann. Nach Alabas Pass, dribbelt Thiago den Arsenal Block an, der Zugriff auf den Bayernakteur hat. Der Innenverteidiger rückt heraus, um mit dem Sechser Druck auf Thiago zu machen. Deshalb muss der RV einrücken und Coman erhält Platz. Thiagos starke Technik führen dazu, das er den Ball behält und nun in den freien Raum zu Coman spielen kann. Thiagos Dribbling sollte nur den Gegner zum Zugriff provozieren, allerdings öffnete sich dadurch Raum, Thiagos Hintergedanke bei seinem Dribbling. Coman hat nun Zeit und Platz, der RV steht in einer schlechten Position, da Coman von dort aus schießen könnte und mit einem kurzen Dribbling direkt im Sechzehner ist.

Move the opponent, not the ball. Invite the opponent to press. You have the ball on one side, tofinish on the other.”

PepGuardiola

Lange diagonale Bälle

Um die Seite schnell zu wechseln und so einen freien Mann zu kreieren sind auch lange diagonale Pässe möglich. Nachdem durch das Kurzpassspiel sich eine Überzahl um den Ball gebildet hat, ist auf der anderen Seite ein Spieler frei. Durch einen Diagonalball kann die Seite mit einem Pass gewechselt werden. Boateng und Alonso können dies perfekt und nutzen den Seitenwechsel häufig. Allerdings sind solche Bälle sehr schwer zu spielen und für den Empfänger zu verarbeiten, da bei einer kleinen Ungenauigkeit der Ball fast nicht mehr zu kontrollieren ist. Des weiteren ist er lange in der Luft und gibt dem Gegner Zeit auf die andere Seite zu verschieben.

Mitspieler überspielen

Um schnell die Seite zu wechseln und so einen freien Mann zu erhalten, werden eigene Mitspieler überspielt, wenn es also die Situation zulässt, wird der Ball nicht zum nächsten, sondern zum übernächsten Mitspieler gepasst, dadurch soll der Gegner zu noch schnellerem Verschieben gezwungen werden.

mitspieler-uberspielen

Alaba spielt hier den Pass direkt auf Ribery, der daraufhin mehr Platz erhält, als wenn Alaba über Thiago zu Ribery verlagert hätte. Der Gegner muss durch den etwas längeren Pass schneller verschieben, während Ribery Thiago immer noch als sichere Anspielstation nach hinten hat.

Dynamik im Bayernspiel

Damit der Gegner Defensiv immer wieder vor Probleme gestellt wird, werden Sprints in die Tiefe in ballnahen Zonen genutzt. Durch die Sprints durch den Halbraum soll der Außenspieler die Möglichkeit auf ein 1vs1 erhalten. Ebenso ist der sprintende Spieler eine Anspielmöglichkeit für einen schnellen vertikalen Pass in die Tiefe. Die Abwehr muss sich für einen Moment fallen lassen, um den Sprint aufzufangen, dadurch erhält Bayern etwas mehr Raum im Mittelfeld. Beispielsweise kann so ein Achter freigespielt werden. Außen hat der Flügelspieler den Ball und wird vom Außenverteidiger vorderlaufen. Nun hat der Achter im Halbraum mehr Platz und kann angespielt werden.

Für den Gegner sind solche Sprints schwierig zu verteidigen, besonders wenn einer der Flügelspieler wie Robben oder Costa den Ball hat. Nimmt niemand den sprintenden Mann auf, entsteht eine gefährliche Passoption in der Tiefe. Wird er verfolgt, ergibt sich außen ein 1vs1 mit anschließend Platz in der Mitte für ein diagonales Dribbling. Auch wenn niemand vorderläuft, sich aber leicht diagonal nach hinten versetzt zum Flügelspieler positioniert, ist ein Doppeln Außen schwierig, da sonst direkt eine Anspielstation im Halbraum vorhanden ist und von dort aus dann schnell verlagert werden kann.

Positionierung zwischen den Linien

Eines der wichtigsten Prinzipien des Juego de posicion ist das kreieren von Überzahl. Dafür ist auch eine richtige Positionierung zwischen den Linien des Gegners wichtig. Entscheidend ist es, sich zwischen den Gegenspielern und zwischen den Linien anzubieten.

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Würde der Sechser hier auf einer Linie mit den beiden gegnerischen Stürmern stehen, hätten die Stürmer ihn im Auge und jederzeit Zugriff. Da der Sechser aber nun hinter den Stürmern steht, müssen sie sich ständig umschauen, um ihren Deckungsschatten neu auszurichten. Durch die Orientierung in zwei verschiedenen Räumen ist ein intensives und aggressives Pressing deutlich schwieriger. Dies gilt nicht nur im Aufbauspiel, sondern auch in der Offensive. Gegen eine Viererkette können sich zwei Spieler in den Schnittstellen anbieten und so die ganze Viererkette beschäftigen, da die beiden Offensivspieler Übergabeprobleme provozieren können.

Wichtig ist es Linien zu überspielen und in die Zwischenlinienräume zu gelangen, um nicht in der U-Form hängen z bleiben, dass heißt nicht nur den Ball vom einen Außenverteidiger zum Anderen zirkulieren zu lassen. Neben einfachen kurzen Pässen um die Linien zu brechen, hat Bayern durch seine Spieler auch noch verschiedene andere Möglichkeiten. Um beispielsweise nach vorne zu kommen, werden lange Diagonalbälle mit anschließenden Dribblings in die freien Räume genutzt, dadurch werden meist die ersten beiden Linien überspielt. Alonso oder Boateng können solche Pässe spielen, Boateng ist außerdem ein Experte für gefährliche Laserpässe, dass heißt er spielt scharfe flache Pässe durch die Schnittstellen des Gegners und überspielt so meist die Angriffs- und Mittelfeldlinie.

Salida Lavolpiana

Positional Play consists of generating superiorities out of the defensive line against those who are pressing you. Everything is much easier when the first progression of the ball is clean.”

Juan Manuel Lillo

Da das Ziel im Positionsspiel ist, ständig Überzahl in der jeweiligen Linie zu haben, nutzen die Bayern das Abkippen eines Sechsers, meist Alonso, sollte der Gegner mit mehr als einem Spieler die beiden Innenverteidiger pressen. Dadurch entsteht in der ersten Linie eine Überzahl und der Spielaufbau kann ruhig und sicher durchgeführt werden. Die Innenverteidiger können sich breiter positionieren und die Außenverteidger weiter nach vorne schieben, was wiederum dazu führt, dass die gegnerischen Außen tiefer stehen müssen. Durch die nun breite Abwehrreihe, ist es auch für den Gegner schwierig zu pressen. Befindet sich der Spielaufbau noch am Sechzehner, kann auch Manuel Neuer die Rolle von Alonso übernehmen und eine Torwartkette bilden.

Fazit

Wie man sehen kann, ist das Positionsspiel der Bayern durch Guardiola extrem verbessert und auf die Spitze getrieben worden, während sie unter Heynckes einzelne Elemente des Positionsspiels innehatten, führte Guardiola diesen Stil richtig ein. Bayerns Positionsspiel ist im Unterschied zu Barcas flügellastiger und es geht noch mehr darum den freien Mann durch beispielsweise Spielverlagerungen zu finden. Dies war bedingt durch das Spielermaterial, bei Bayern waren die außen stark besetzt, es fehlten allerdings Spielertypen wie Messi oder Iniesta, deshalb ließ Guardiola auch anders spielen als bei Barcelona.

Man wird sehen wie Bayern in der post Guardiola Ära spielen wird und inwiefern Ancelotti das Positionsspiel übernehmen kann und will. Ebenso wird es spannend zu sehen sein, ob und wie Guardiola das Positionsspiel in England bei Manchester City implementieren kann und wie erfolgreich er schlussendlich damit sein wird.

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9 Gedanken zu “Guardiolas Positionsspiel in München

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