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Bayerns Dominanzverlust wegen schlechtem Gegenpressing?

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Der Artikel entstand eigentlich noch vor dem Supercup, wurde aber aus Zeitgründen nicht rechtzeitig fertig. Die Beobachtungen aus dem Supercup und dem Bundesligaauftakt wurden noch hinzugefügt.

Im Rahmen der Vorbereitung fand, wie alle zwei Jahre der Audi Cup in München statt. Am Dienstag traf der FC Bayern auf Klopps Liverpool, verlor das Spiel mit 3:0 und trat dann am nächsten Tag im Spiel um Platz drei mit einer sehr jungen Elf gegen den SSC Neapel an. Am Ende hieß es hier 2:0 für die Italiener.

Nach den beiden Spielen gab es viel Unruhe, in den Medien und unter den Fans wurde bereits wieder von Krise gesprochen. Bei der Leistung des Teams durfte man sich schon ein paar sorgenvolle Gedanken über den Verlauf der Saison machen. Jedoch wurde im Laufe der beiden Spiele auch deutlich, dass die Mannschaft nach den Strapazen der Asien-Reise müde wirkte und so nicht mit dem letzten Biss agieren konnte.

Allerdings wurde neben der fehlenden Fitness der einzelnen Spieler auch einige strategische und taktische Defizite der Elf von Carlo Ancelotti deutlich, die es so bereits letzte Saison zu beobachten gab. Zum einen wirkte das Aufbauspiel der Münchner schlecht strukturiert und nicht gut ausbalanciert, was das Spiel der Münchner zur leichten Beute für Klopps aggressives Pressing machte, zum anderen reagierten die Bayern nach Ballverlusten unorganisiert und schafften es selten über ein effizientes Gegenpressing Konter zu unterbinden.

Auch in den Pflichtspielen zeigten sich die Probleme im Münchner Spiel. Gegen Dortmund schaffte man es zeitweise zwar die Konter zu unterbinden, aber nicht über die volle Distanz, besonders in der zweiten Hälfte, bestes Beispiel Aubameyangs Führungstreffer, zeigten sich immer wieder die zu großen Abstände und das damit schwache Gegenpressing.

Beide Kritikpunkte sind miteinander verbunden. Aufgrund der oft schlechten Struktur im Bayern Spiel schaffen es die Münchner selten den Gegner mit Passkombinationen gefährlich zu werden. Diese nicht ausbalancierte Struktur in Ballbesitz macht ein effektives Gegenpressing fast unmöglich, da die Abstände zwischen den einzelnen Spielern nicht stimmen, hat der Gegner nicht nur ausreichend Platz und Zeit nach der Balleroberung, sondern kann auch immer wieder offene Räume finden und so die Konter schnell ausspielen.

Fehlendes Nachrücken

Der erste negative Aspekt der auffiel, war das fehlende Nachrücken der Sechser bzw. die allgemein recht tiefe Positionierung der Sechser und Innenverteidiger. Dies führte häufiger dazu, dass das Team in zwei Teile getrennt wurde. Aus diesem Grund war es schwierig für die Bayern Zugriff nach Ballverlust zu erhalten, da es häufig an einer Absicherung in der Tiefe fehlte. Aufgrund der tiefen Position der Sechser konnte der Gegner den Ball im Konter meist bis in Bayerns Hälfte treiben, bis er dann erst von einem Sechser gestellt wurde.

Schaut man sich folgende Szene an wird dies deutlich. Ribery und Alaba befinden sich im Angriff. Der Franzose versucht in ein 1vs1 zu gehen, wird aber aufgrund fehlender Unterstützung von zwei Gegner gestellt. Thiagos tiefe Position verursacht den langen Sprint mit Ball von Salah. Letztendlich kann er von Alaba und Thiago gestellt werden, jedoch kostet ein so langer Sprint von Alaba Kraft, durch bessere Positionierung wäre dies zu vermeiden gewesen.

Eine bessere Möglichkeit ein erfolgreiches Gegenpressing zu spielen, wäre gegeben wenn Müller oder Tolisso noch etwas mehr zur Seite geschoben hätten, in anderen Szenen setzte dies Thomas Müller aber um. Wichtiger wäre ein Vorschieben von Thiago gewesen. Der Spanier hätte so mit Müller sofort Druck auf den Ballführenden machen können und die Bayern könnten aus einer höheren Position einen neuen Angriff starten. Neben dem Vorschieben von Thiago müssten die drei Verteidiger das Loch hinter Thiago schließen.

Ohne dieses konsequente Nachrücken hat Liverpool nun eine aussichtsreiche Situation um einen guten Konter zu fahren. Glücklicherweise sichern Müller und Tolisso das Zentrum halbwegs ab, schafft es Salah im Konter den Ball in die Mitte zu bringen, hätte dies zu einen wesentlich riskanteren Situation geführt.

Fehlendes Nachrücken der Verteidiger oder zu hohes stehen der Mittelfeldreihe fiel besonders in der zweiten Hälfte gegen Leverkusen stark ins Gewicht. Im Pressing wie auch direkt nach Ballverlust musste Leverkusen meist nur eine Linie der Bayern überspielen, um in der Mitte viel Platz vorzufinden

Was sich hier neben den großen Abständen noch zeigt, ist die schlechte Staffelung der Münchner. Zwar schaffen es die Bayern hier ballnah Aranguiz gut unter Druck zu setzten, jedoch stehen fünf Spieler auf einer Linie, keiner lässt sich ein bisschen fallen, um die Anderen absichern zu können. Dadurch entsteht das große Loch im Mittelfeld. Und Leverkusen kommt zu einem einfachen Konter.

Große Abstände, schlechte Struktur

Bei Liverpools Führungstreffer viel das strukturelle Problem der Bayern in eigenem Ballbesitz noch mehr ins Gewicht im Vergleich zu den bereits gezeigten Szene. Thiago und Tolisso positionierten sich beide ziemlich tief im Spielaufbau, die Offensivabteilung stand zu weit vorne, der Raum hinter Liverpools erster Pressinglinie war nicht besetzt. Letztendlich spielt Thiago einen riskantern Pass auf Tolisso, der zu lange braucht um den Ball zu kontrollieren und die Übersicht über das Spielgeschehen zu erlangen, letztendlich wäre ein einfacher Pass auf einen der Innenverteidiger eine sinnvolle Lösung, so verliert er den Ball und Liverpool kann über Mané schnell umschalten.

Hauptsächlich fällt hier die Verteilung der Spieler auf dem Platz ins Gewicht, Bayern hat keine Chance Druck auf den Ballführenden auszuüben, in dieser speziellen Situation ist es sowieso schwierig, ein Ballverlust in so einer Situation ist immer gefährlich, jedoch lag dies an den fehlenden Anspielmöglichkeiten nach vorne.

Unter Ancelotti ist es häufiger zu beobachten, dass die Mannschaft wie in den Duellen 2012 gegen Dortmund in zwei Teile geteilt ist. Die Mittelfeldspieler sollen den Spielaufbau in der tiefe übernehmen, immer noch grotesk wenn man sieht wie wenig Verantwortung Hummels oder auch Boateng im Spielaufbau haben. Durch den Spielaufbau der Sechser fehlt es an Verbindungen nach vorne. Die Sechser und Innenverteidiger stehen oft auf einer Linie und zusammen mit den Außenverteidigern wird der Ball im U laufen gelassen, bis man es mal zum Durchbruch über Außen schafft. Die wenigen Dreiecke, die großen Abstände führen leichter zu Ballverlusten, die nicht durch ein funktionierendes Gegenpressing aufgefangen werden können.

Fehlende Intensität und Zugriff nach Ballverlust

Aufgrund der großen Abstände zwischen den Spielern ist ein direkter Zugriff nach Ballverlust auf den Gegner schwierig zu realisieren. Dies ist zum einen bedingt durch das fehlende Verschieben zum Ball, zum anderen aufgrund der wenigen Dreiecke und teils schlechten Positionierungen der Bayernspieler. Dadurch, dass Bayern nach Ballverlust erst ein paar Sekunden benötigt, um überhaupt ein enges Netz um den Ballführenden zu erstellen, erhält der Gegner zu viel Zeit sich zu drehen und nach einer Lösung für das schnelle Umschalten zu suchen. In einer Zeit, in der alle Spieler geschult sind schnell Lösungen zu finden, reichen ein paar extra Sekunden aus, um ein Gegenpressing aufzulösen. Besonders gegen Liverpool aber auch gegen Neapel und Dortmund wurde deutlich, dass es die Bayern nicht immer schaffen den vermeintlichen Konter zu verlangsamen, indem sie vertikale Pässe nach vorne verhindern.

Dazu kommt noch, dass in der Vorbereitung die Intensität im Pressing fehlte. Durch eine hohe Intensität, ein schnelles aggressives Druck ausüben kann Schwächen in der Struktur im Gegenpressing kaschieren und besonders gegen schwächere Gegner werden dadurch die Schwächen nicht immer zum Vorschein kommen, um jedoch zur europäischen Spitze zu gehören, und um Konter von beispielsweise Real Madrid zu unterbinden, braucht es neben hoher Intensität, abgestimmte Abläufe und eine gute Struktur.

Nachtrag

Gegen Leverkusen offenbarte sich besonders in der zweiten Halbzeit die erheblichen Schwächen im Gegenpressing, die zum vollständigen Verlust der Dominanz führten. In der ersten Hälfte schafften es die Münchner noch durch eine bessere Struktur und auch mal längere Phasen in Ballbesitz, den Ball nach Verlust schnell wieder zurückzugewinnen. Dies war allerdings auch durch Leverkusens Probleme in Ballbesitz bedingt. Alles in allem sah man aber auch in der ersten Hälfte wenige Situationen in denen der FC Bayern den Ball schnell selbst im Gegenpressing erobern konnte.

Die zweiten Halbzeit gegen Leverkusen wirft die Frage auf, ob dies ein Strategiewechsel von Ancelotti darstellte, Bayern versuchte selten richtig ins Gegenpressing zu gehen, sondern zog sich schneller wieder in ihr 4-4-2 zurück und verteidigten passiver in der eigenen Hälfte.

Fazit

Alles in allem hat der FC Bayern aktuell große Probleme nach Ballverlust, den Ball schnell zurück zuerobern. Dabei spielen viele strategische und strukturelle Probleme eine Rolle. Zum einen die schwache Struktur bei Ballbesitz, zum anderen die fehlende Defensivarbeit der Offensivkräfte. Neben diesem scheint auch Carlo Ancelotti nicht wirklich darauf erpicht zu sein, dass die Bayern ein gutes Gegenpressing spielen. Häufig fehlt die Intensität im Gegenpressing. Gegen Leverkusen zeigte sich vor allem in der zweiten Hälfte auch eine geplante Abkehr davon. Um International aber gegen Mannschaften wie Real Madrid mithalten zu können, muss Bayern diese Probleme in den Griff bekommen, um nicht an Dominanz einzubüßen. Auch wenn Ancelotti nun mehr auf Konter setzten will, können Ballverluste ohne gute Absicherung immer noch tödlich sein.

Zum Schluss noch eine Szene aus dem Supercup, das 2:1 durch Aubameyang. Selbst den normalen Fußballfan dürfte hier aufgefallen sein, dass es bei den Bayern taktisch an manchen stellen nicht rund läuft.

 

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