Sicherheitsfokus der Offensivmaschinen

Zwei der besten Mannschaften Europas trafen mit dem FC Liverpool und Manchester City am Sonntagnachmittag in Anfield aufeinander.

Die beiden Teams stellen zwei ziemlich gegensätzliche Offensivausrichtungen dar. Die Mannschaft von Jürgen Klopp zeichnet sich bekanntermaßen durch ihr leidenschaftliches Pressing und Gegenpressing, sowie die ungeheuren Schnellangriffe aus. Jedoch hat der ehemalige BVB-Coach auf der Insel auch in puncto Positionsangriff und Ballbesitzfußball seinem Team neue Facetten hinzugefügt. Sein Gegenüber Pep Guardiola hingegen ist seit jeher bekanntlich das Aushängeschild für Positionsspiel und Dominanzfußball mit ständigem Drang zum Tor. In England entwickelte sein Team eine zuvor eher unbekannte Komponente, welche viel mehr Jürgen Klopp zuzuordnen ist – der schnelle Gegenangriff nach Ballgewinn.

Zusammengefasst können beide Teams also auf ein ziemlich komplettes Arsenal an Gefahrenherden zurückgreifen. Liverpool und City sind speziell deswegen, weil sie nahezu alle Spielphasen beherrschen, die wohl komplettesten Teams in Europa.

Das direkte Aufeinandertreffen der beiden Schwergewichte war somit von einer gehörigen Portion Respekt gegenüber der Stärken des jeweiligen Gegenübers geprägt. Beide Teams passten ihren Matchplan bzw. sogar ihr strategisches Vorgehen an den Gegner an, wofür Guardiola und Klopp eigentlich nicht gerade bekannt sind. Auch deshalb, weil beide Teams vor und nach dem Spiel punktgleich mit dem FC Chelsea das Spitzentrio der Liga bilden, schienen beide eine Punkteteilung als akzeptabel einzuordnen.

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1. Halbzeit: Grundformationen bei Ballbesitz Manchester City

 

Abgeschwächtes Pressing der Reds gegen das beste Aufbauspiel Europas

Der FC Liverpool schaffte es in der Anfangsviertelstunde, das Spiel eher zu ihren Gunsten zu gestalten. Jürgen Klopp entschied sich für seine bevorzugte 4-3-3-Formation. In der Mittelfeld- und Angriffsreihe brachte er die derzeit formstärksten Spieler. Die Viererkette wusste jedoch mit einer Überraschung aufzuhorchen. Jungspund Trent Alexander-Arnold musste auf der Bank Platz nehmen, während Joe Gomez als etwas defensivere Variante auf seine rechte Außenverteidigerposition rückte. Dejan Lovren bildete gemeinsam mit Virgil van Dijk die Innenverteidigung, wo Gomez zuletzt gesetzt gewesen war.

Die Reds positionierte sich zwar gewohntermaßen recht hoch in der gegnerischen Hälfte, „der letzte Schritt im Pressing“ (das finale Durchlaufen auf den Gegner) blieb jedoch zumeist aus. Bereits bei der Champions-League-Niederlage Liverpools in Neapel war das zu beobachten gewesen. Da City über die wohl größte Ruhe aller europäischen Mannschaften in der Spieleröffnung verfügt, ergab sich zeitweise ein komisches Bild. Die beiden Teams standen sich wie Schachfiguren im Strafraum der Cityzens gegenüber, während sie auf den entscheidenden Fehler des Gegenübers lauerten. Liverpool traute sich nicht auf City-Keeper Ederson durchzulaufen, aus Respekt vor dessen fußballerischen Fähigkeiten. Der Brasilianer ist dazu in der Lage, jedes nicht absolut perfekte Pressing dieser Welt zu überspielen und seinem Team somit den Raumgewinn zu erleichtern. Sobald City das Liverpool-Pressing überspielen konnte, wussten die Reds um die Dynamik, welche die Skyblues in den Schnellangriffen entfachen können. Somit ergab sich eine für die beiden Teams sehr abstrakte Situation: Liverpool stand sehr hoch im Raum, traute sich allerdings nicht die Skyblues durchgehend unter Druck zu setzen aus Angst vor deren Fähigkeiten den Raum im eigenen Rücken zu bespielen. Wählte der englische Meister den langen Ball – welchen Ederson mit seiner beeindruckenden Schusskraft ebenfalls beherrscht – so war der LFC durch die Kopfballstärke ihrer Innenverteidiger überlegen.

Manchester City variierte zudem die Aufbaustruktur wie man es von ihnen kennt. In fast jedem neuen Angriff präsentierten sie eine neue Staffelung der Aufbauspieler seitlich und vor dem Sechzehner. Links positionierte sich Aymeric Laporte, vor dem Strafraum Fernandinho. John Stones pendelte zwischen der Position an der rechten Strafraumkante oder davor als zweiter Sechser neben dem Brasilianer. Befand sich Stones im Sechserraum, so ging Kyle Walker als rechter Innenverteidiger an die rechte Strafraumkante. Startete Stones als rechter Innenverteidiger – so kam Bernardo Silva (wie auch im zweiten Spielfelddrittel) auf die rechte Sechserposition neben Fernandinho. Diese Variabilität zwischen Dreier- und Viererkette ist eine der bedeutendsten Entwicklungen die Guardiola bei Manchester City angestoßen hat. Es macht seine Mannschaft noch schwerer ausrechenbar, ihre Staffelungen flexibel von Angriff zu Angriff wechseln zu können. Dies erschwerte die Arbeit gegen den Ball für Liverpool zusätzlich.

SpieleröffnungCity
7. Min: Citys Spieleröffnung gegen Liverpools hohes Pressing

Ballhaltender Cityzens-Ballbesitz im zweiten Drittel

 

Manchester City gelang der Übergang ins Mittelfeld insbesondere über zwei Routen. Die eine Variante war das klassische Spiel über den Flügel. Im zweiten Spielfelddrittel hielt Mendy auf links die Breite, während Kyle Walker als Rechtsverteidiger/Halbverteidiger-Hybrid agierte. Die Breite vor ihm hielt Riyad Mahrez, welcher eines seiner bisher besten Spiele im Trikot der Skyblues bestritt. Später sollte er allerdings zum tragischen Helden dieses Abends an der Anfield Road werden…

Einen einfachen Ausweg aus dem Pressing Liverpools bildeten somit die breiten Optionen Mendy und Mahrez. Von Minute 25 bis zur Halbzeit rückte zudem Mendy auf links situativ in den Sechserraum ein, woraufhin Sterling die Breite hielt. Zudem fungierte Bernardo Silva als zusätzlicher Sechser neben Fernandinho. Liverpools Flügelspieler Salah und Mané positionierten sich im Pressing in einer Halbposition zwischen den Sechsern und Außenverteidigern der Skyblues. Durch anspielen und klatschen lassen der Sechser konnte City die beiden jedoch recht regelmäßig ins Zentrum locken und anschließend der Linie entlang überspielen. In der 27. Spielminute konnte Mahrez „neben“ dem Mittelfeldblock der Reds gefunden werden und auf Robertson zudribbeln bzw. eine Aktion in Richtung Tor auslösen. In diesen Spielzügen steckte allerdings auch ein Guardiola-untypischer Pragmatismus: Für gewöhnlich präferiert der Katalane das Spiel durchs Zentrum und die Halbräume, da es seinem Team mehr Optionen im Offensivspiel schenkt. Nahezu freiwillig auf den Flügel zu gehen zeigt, inwiefern Guardiola inzwischen großen Respekt vor Liverpools Konterstärke hat. Ballverluste auf dem Flügel sind für die Restverteidigung deutlich einfacher zu kontrollieren als jene im Zentrum, die vergangene Saison Hauptursache für die schlechten Resultate in den direkten Aufeinandertreffen waren. Guardiola opferte offensive Durchschlagskraft für defensive Stabilität. Das sieht man extrem selten bei ihm.

MahreznebenFormation
27. Minute: Variante 1 – Stones findet Mahrez „neben“ Liverpools Formation. Der leitet über den Flügel einen Angriff ein.

Pep wäre aber nicht Pep, wenn er seinem Team darüber hinaus nicht dennoch einen aktiveren und kreativeren Plan durchs Zentrum mit auf den Weg gegeben hätte. Bernardo Silva agierte hierbei in der Hauptrolle. Der Portugiese startet in seinem zweiten Jahr auf der Insel voll durch und kann inzwischen genauso gut in zentralen Rollen wie auf dem Flügel agieren. In Anfield versuchte Pep seine Gewandtheit und Dribbelstärke als antreibendes Glied im Sechserraum einzubringen. Tatsächlich stabilisierte Bernardo die kontrollierte „tiefe“ Ballzirkulation der Cityzens ungemein und schaffte es auch einmal, im Sechserraum aufzudrehen und aufs gegnerische Mittelfeld zuzudribbeln. Aus Angst vor Kontern waren diese riskanteren Lösungen jedoch eher selten zu erkennen. Einen Großteil der ersten Halbzeit verbrachte City im zweiten Drittel in ballhaltender Manier. Laporte, Stones und Walker schoben sich in der asymmetrischen Dreierkette den Ball zu und lauerten auf Fehler im Pressing der Reds. Diese gingen jedoch kein Risiko aus Angst vor Citys Fähigkeit, jederzeit den kleinsten Fehler zu bestrafen. Hin und wieder wurden die Sechser integriert und anschließend über die Außenbahnen versucht, Raumgewinn zu erzielen. Dies sorgte für eine in Taktikerkreisen anerkannte und realisierte Pattsituation, welche für den Fan von Spektakel und vielen Torraumszenen jedoch ernüchternd war.

City gelang es, nicht in das offene Messer zu laufen, wie es in den Duellen der vergangenen Saison der Fall gewesen war. Liverpool hatte damals jeden Pass auf Solosechser Fernandinho als Pressingsignal aufgenommen und zahlreiche Ballgewinne erzielen können. Der Brasilianer zeigte hierbei, warum er ein guter Sechser, aber eben kein Sergio Busquets ist. Bernardos Ballsicherheit und Fähigkeit über Dribblings das Pressing zu brechen, stabilisierte die Zirkulation der Skyblues und hielt Liverpool davon ab, allzu aktiv zu werden.

Beide Teams vermieden Risiko in allen Spielphasen. Zudem lieferten alle vier Innenverteidiger eine tadellose Leistung ab und dominierten die gegnerischen Angreifer komplett. Speziell Virgil van Dijks Aura war beeindruckend. Auch wenn er den späten Elfmeter durch ein Foul an Leroy Sané verursachte: Der Niederländer beweist gerade Woche für Woche, dass er nicht nur der teuerste, sondern momentan vielleicht beste Innenverteidiger der Welt ist.

Bernardoaufdrehen
33. Minute: Variante 2 – Bernardo Silva kann im Sechserraum aufdrehen und einen Angriff aus dem Zentrum einleiten.

2. Halbzeit: Liverpool kontrolliert den Ball, City sorgt für Gefahr im Umschalten

 

Nach der Pause veränderte sich das Bild zunehmend. Jürgen Klopp schien seine Mannen in der Halbzeitpause dazu angehalten zu haben, sich wieder mehr längere Ballbesitzphasen herauszunehmen. Sein Team hat sich hierbei in den vergangenen zwei Jahren enorm weiterentwickelt und beherrscht inzwischen in vielen Situationen ein echtes Positionsspiel spanischer-niederländischer Prägung.

Liverpool behält sich in diesen Situationen dennoch ihre Unberechenbarkeit bei, da die drei zentralen Mittelfeldspieler extrem fluide den Sechser- und Zehnerraum besetzen. Oft agiert ein Spieler als „holding midfielder“ – meist Jordan Henderson – welcher jedoch regelmäßig durch sein unterirdisches Freilaufverhalten auffällt. Es ist fast unglaublich, dass ein Sechser auf internationalem Topniveau derart häufig Passwege zu seinen Mitspielern zuläuft oder zu nahe auf den Mitspieler am Ball aufläuft und damit seine Optionen einschränkt. Auch am Sonntagabend war dies erneut zu erkennen. Da Klopp diese Schwachstelle erkennt, lässt er seine Achter Wijnaldum oder Keita durchgehend ab- oder herauskippen. James Milner hat dagegen eine Freirolle in Klopps System und kann sich sehr frei übers gesamte Feld bewegen. Er startet von einer Achterposition, kann aber auf den Flügel, in den Zehner-, Sechser- und Außenverteidigerraum gehen. Der Engländer ist Kloppos Schlüsselspieler. Demzufolge hemmte es Liverpools Ballbesitzspiel ungemein, dass es bereits nach einer halben Stunde verletzt das Feld verlassen musste.

Ohne adäquate Mittelfeldstruktur fehlte Liverpool die Kreativität im Ballbesitzspiel. Einziges Mittel blieben lange Bälle hinter Citys Kette, auf die einstartenden Mané und Salah, welche Laporte und Stones jedoch zu kontrollieren wussten. Zudem zog sich City im zweiten Durchgang häufig in ein tiefes 4-4-2/4-4-1-1-Mittelfeldpressing zurück und minimierte somit den verfügbaren Raum zwischen Abwehr und Ederson. David Silva variierte in dieser Situation zwischen einer Positionierung in der Spitze neben Agüero oder einer Mannorientierung auf Solosechser Henderson. City verteidigte nahezu alle Situationen sehr komfortabel und fühlte sich sichtlich wohl in der Ausgangslage. Zudem gelang es den Skyblues immer mal wieder Nadelstiche zu setzen. Durch das Zurückziehen vergrößerte sich der Raum für Konter. Riyad Mahrez hatte nach eben solch einem in der 61. Minute die bis dato beste Chance der Partie, sein Abschluss aus spitzem Winkel ging jedoch am langen Pfosten vorbei. Zuvor hatte Agüero den Angriff per Ablage auf David Silva scharf gemacht und Letzterer den Algerier hinter die Abwehr geschickt.

In Minute 85 spielte Agüero-Ersatz Gabriel Jesus erneut einen Ablagepass auf David Silva, der dieses Mal den eingewechselten Leroy Sané in die Tiefe schickte. Van Dijk brachte den deutschen Nationalspieler zu Fall, ehe Riyad Mahrez den fälligen Foulelfmeter über die Querlatte bugsierte.

LiverpoolBallbesitz
Liverpools Positions- und Ballbesitzspiel fehlte die Durchschlagskraft gegen das tiefe                      4-4-2/4-4-1-1-Mittelfeldpressing der Cityzens.

Fazit

 

Guardiola lobte nur wenige Minuten später einen langen Abstoß von Ederson bis an den gegnerischen Sechzehner in äußerstem Maße, was sinnbildlich für die gesamte Partie zu nehmen ist. Komplett untypisch für den Flachpassfanatiker Guardiola, handelte es sich hierbei nicht um eine einstudierte lange Abstoßvariante, wie man sie von City kennt. Viel mehr war es eine Aktion nach dem Gusto: Hauptsache weit weg vom eigenen Tor. Liverpool flößte den Cityzens Respekt ein, weshalb diese an der Anfield Road mit einem torlosen Remis mehr als zufrieden waren. Klopps Männer schienen nach der Niederlage in Neapel und dem Unentschieden an der Stamford Bridge vor Wochenfrist ebenfalls einverstanden. So tangierten sich die Ausrichtungen letztendlich aus. Alle Phasen des Spiels waren hauptsächlich auf Sicherheit ausgelegt. Somit wurde es keines der Fußballfeste der vergangenen Saison. Das Aufeinandertreffen ist jedoch als Foreshadowing auf eine wohl dramatische und hochspannende Premier League-Saison zu werten.

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2 Gedanken zu “Sicherheitsfokus der Offensivmaschinen

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