Der neue VfL Wolfsburg – Erfolg mit Chaos und Intensität

In den letzten beiden Saisons musste der VfL Wolfsburg jeweils über die Relegation gehen, um sich weiter in der Bundesliga zu halten. Trotzdem wurde den Wolfsburgern zugetraut, in dieser Saison ein Wörtchen um die internationalen Plätze mitzureden – aufgrund der letzten beiden Jahre konnte einem diese Prognose etwas gewagt vorkommen. Dass der Kader aber das Potential für einen Mittelfeldplatz mit Tendenz nach oben hat, ist zweifellos.

Mit einem guten Saisonstart und 7 Punkten aus 3 Spielen sah es auch so aus, als würde Labbadia nun das Potential richtig ausschöpfen können. Zwischen dem dritten und elften Spieltag gab es aber nur noch einen Sieg und 5 Punkte, sodass Wolfsburg auf den zwölften Tabellenplatz zurückfiel – 3 Punkte vor dem Relegationsrang.

In der November-Länderspielpause hatte Labbadia wohl die Zeit gefunden, seine Mannschaft auf einen Schlussspurt zum Jahresabschluss einzustellen. 5 Siege und 1 Unentschieden aus den verbleibenden 6 Spielen der Rückrunde brachten die Wolfsburger bis auf den fünften Tabellenplatz – 3 Punkte hinter den Champions-League-Plätzen.

In dieser Analyse wird ein Blick darauf geworfen, wie das Spiel der Wolfsburger in dieser erfolgreichen Phase aussah.

Ballbesitz

Das Spiel ist nicht auf eine lange Ballzirkulation ausgelegt, mit welcher der gegnerische Defensivblock bewegt und anschließend die geöffneten Lücken attackiert werden sollen. Der Fokus liegt auf langen Bällen, Läufen in die Tiefe und sehr viel Intensität und Chaos. Die Formation wurde offiziell als 4-Raute-2 beschrieben, ähnelte aber eher einem 4-3-3. Am besten lässt sich das Wolfsburger Spiel aber nicht mit einer Reihenfolge von Zahlen beschreiben.

Zielspieler Weghorst

Mit Weghorst und Ginczek bot Labbadia zwei körperlich starke Spieler auf. Während Ginczek seine Stärken mit dem Fuß hat, eignet sich Weghorst als Zielspieler für die langen Bälle aus der Abwehr. Bei langen Bällen geht es oft darum, welche Mannschaft den zweiten Ball gewinnt. Wolfsburg hat dafür eine sehr gute Staffelung – eigentlich.

zielspieler weghorst

Ginczek und Mehmedi rücken in die letzte Linie auf und spekulieren auf Verlängerungen. Die beiden Achter – hier Gerhardt und Rexhbecaj – sollen die Bälle aufnehmen, die nach vorne abprallen. Arnold und die Viererkette schieben im besten Fall dahinter nach.

Im Spiel gegen Frankfurt setzte Wolfsburg diese Staffelung allerdings nicht immer optimal um. Die Achter rückten zu weit auf, was den Raum hinter ihnen und neben Arnold offenließ. Gerade in der Anfangsphase dieser Partie konnte Frankfurt aus den zweiten Bällen viele eigene Angriffe startete, weil der Ball im Raum hinter den Achtern landete und ein Stürmer ihn aufnehmen konnte.

Überladung der letzten Linie

Es ist aber nicht so, dass Wolfsburg jeden Ball aus dem Aufbauspiel lang auf Weghorst spielt. In vielen Szenen Rücken die Achter früh auf und überluden mit den Stürmern die letzte Linie. Gegen die Stuttgarter Viererkette konnte eine Überzahl hergestellt werden, was einen freien Spieler auf dem Flügel zur Folge hatte.

Überladung letzte linie

Aufgrund der fehlenden Verbindungen ist auch hier nur der lange Ball auf den freien Spieler möglich. Diese Szene zeigt auch, wieso Wolfsburgs Formation nicht als 4-Raute-2 beschrieben werden kann. Mehmedi – nominell als Zehner aufgestellt – sucht oft den Weg zum Flügel. Die Achter schieben weit vor und es befinden sich 5 Spieler auf einer horizontalen Linie, wie man es auch bei einem 4-3-3 häufiger zu sehen bekommt.

schlechte staffelung

Das bereits angesprochene Chaos im Wolfsburg Spiel führt dazu, dass es im Aufbauspiel keine Verbindungen gibt. Die Innenverteidiger haben nur den Sechser vor sich, die Achter sind aufgrund ihrer hohen Position nicht anspielbar. Da der Sechser leicht isoliert werden kann, bleibt – neben langen Diagonalbällen auf den Flügel – nur der Pass zum Außenverteidiger. Dieser befindet sich in einer noch schlechteren Situation. Auch ihm fehlen die Anspielstationen nach vorne, dazu ist er leichter vom Gegner unter Druck zu setzen. Die Folge ist der lange Ball.

Diesen langen Ball spielen die Wolfsburger aber nicht blind. Die offensiven Spieler attackieren die Schnittstellen der gegnerischen Verteidigung. Aufgrund der Vielzahl an Spielern, die Läufe in die Tiefe starten, kann sich der Außenverteidiger eine Anspielstation auswählen.

schnittstellen attackieren

 in diesem Beispiel hat William (Nummer 2) den Ball. Für ein gutes Ballbesitzspiel fehlt es an Verbindungen, die letzte Linie ist dafür mehrfach besetzt. Ginczek zog den Linksverteidiger auf den Flügel, die anderen 3 Spieler Laufen die Schnittstellen an und können von William angespielt werden.

Mit diesen Mitteln kommt Wolfsburg ins letzte Drittel, ist dort dann aber oft auf dem Flügel und muss erst noch den Weg zum Tor finden. Chancen sollen dann mit Flanken kreiert werden. Darüber, dass diese Spielweise nicht effizient genug ist, um konstant für Gefahr zu sorgen, muss nicht mehr viel gesagt werden. Aufgrund der vielen offensiven Spieler ist der gegnerische Strafraum aber mit mindestens 3, oft sogar 4 Spielern besetzt.

Verbesserungen im Ballbesitzspiel

Auch wenn der Fokus weiterhin stark auf die Vertikalität ausgerichtet war kann angemerkt werden, dass sich das Wolfsburg Ballbesitzspiel auch verbessert hat. Verantwortlich dafür ist größtenteils Arnold, der auch eher ein spielmachender Spielertyp ist und die hohe Positionierung in der letzten Linie gegen eine tiefere Position eintauscht. Das reicht nicht, um den Gegner komplett zu dominieren, ermöglicht aber, aus festgefahrenen Situationen am Flügel das Spiel noch einmal zu verlagern. Auch Ginczek zeigt in diesen Situationen seine Qualitäten. Er bewegt sich gut im Raum, zieht Gegenspieler mit sich und kann den Ball auf die Mitspieler weiterleiten oder ablegen.

Umschaltspiel

Wolfsburgs größte Stärke liegt im offensiven Umschaltspiel. Da ihr Spiel viel auf langen Bällen und hoher Intensität basiert, kommt es automatisch zu sehr vielen Zweikämpfen im Mittelfeld. Kann Wolfsburg den Ball gewinnen, wird sofort in die Tiefe gespielt. Einen entscheidenden Anteil am starken Umschaltspiel hat das Bewegungsspiel der Stürmer unmittelbar nach dem Ballgewinn.

umschaltspiel i

Häufig sind die gegnerischen Außenverteidiger in diesen Situationen aufgerückt, wodurch mehr Platz in der letzten Linie des Gegners entsteht. Der bzw. die Stürmer setzen sich dann seitlich vom äußersten Verteidiger ab und starten in die Tiefe.

umschaltspiel ii

Was das Wolfsburger Konterspiel aber so gefährlich macht ist nicht nur die Bewegung der Stürmer. Die Mannschaft schien vor der Winterpause in einem ausgezeichneten Fitnesszustand gewesen zu sein. In den Umschaltsituationen rückten alle Stürmer und die beiden Achter in höchstem Tempo nach, die Gegenspieler kamen oft nicht hinterher wodurch sich Überzahlsituationen gegen die gegnerischen Verteidiger ergaben.

Ein gutes Beispiel ist das Siegtor kurz vor Schluss gegen den FC Augsburg. Die Augsburger hatten einen Freistoß nahe der Eckfahne, bei Wolfsburg standen alle Spieler im eigenen Strafraum bzw. in der Mauer. Casteels konnte die Flanke abfangen, wenige Sekunden später hatte Wolfsburg eine 5 gegen 4 Überzahl in der gegnerischen Hälfte – die Folge war ein Tor.

Defensive

Aufgrund des Spielstils gibt es in einem Spiel nicht viele Situationen, in denen Wolfsburg aus einer klaren Verteidigung heraus agiert. Auch gegen den Ball gibt es keine klare Formation. Im Fokus stehen Mannorientierungen gegen alle Spieler, die in den ersten beiden Aufbaulinien des Gegners positioniert sind.

mannorientierungen i

Ist der Gegner in diesen Zonen in Überzahl, rückt einer der Wolfsburger Spieler – der vorher Mannorientiert im Zentrum verteidigte, auf den freien gegnerischen Spieler heraus. Bestenfalls behält der Wolfsburger seinen vorherigen Spieler dabei im Deckungsschatten, ist das nicht möglich, rückt der nächste Spieler dahinter raus. Die Intensität ist dabei sehr hoch, wodurch es gerade für schlecht gestaffelte Gegner schwer wird, sich daraus zu befreien.

mannorientierungen ii

Im Spiel gegen Stuttgart gab es Szenen, in denen Wolfsburg mit 7 Spielern – alle Stürmer und Mittelfeldspieler sowie der Außenverteidiger – im ballnahen Halbraum und Flügel waren, um den Gegner unter Druck zu setzen. Stuttgart war nicht in der Lage, die freien Räume auf der anderen Seite des Spielfelds zu nutzen und versuchten stattdessen, sich am Flügel nach vorne zu spielen, was wenig erfolgsversprechend war.

Durch die vielen Mannorientierungen und das weite Aufrücken der Achter entstehen bei Wolfsburg aber auch große Lücken zwischen Mittelfeld und Abwehr, die der Gegner mit langen Bällen ausnutzen kann.

Abwehrpressing – Chaos pur

Ein klar strukturiertes Aufbauspiel ist bei Wolfsburg nicht vorhanden, das Mittelfeld- und Angriffspressing lebt von der Intensität. Am chaotischsten wird es aber, wenn Wolfsburg im eigenen Abwehrdrittel verteidigt. Die Formation lässt sich hier am besten als 4-4-2 beschreiben, allerdings ist kein gemeinschaftliches Verschieben im Mittelfeld oder bei den Stürmern zu erkennen.

Zuerst sollte ein Blick darauf geworfen werden, wie dieses 4-4-2 aus dem eigentlichen 4-3-3 im Ballbesitz entsteht.

abwehrpressing i

Im ersten Beispiel verteidigt der Stürmer am Flügel mit nach hinten, um den Gegenspieler unter Druck zu setzen.

abwehrpressing ii

In dieser Situation rückt der linke Achter auf den Flügel, die anderen beiden Mittelfeldspieler orientieren sich auch auf die ballnahe Seite. Um nicht so anfällig für Verlagerungen zu sein, lässt sich der ballferne Stürmer ins Mittelfeld fallen. Das Zurückfallen des Stürmers ist auch von der Höhe des gegnerischen Außenverteidigers abhängig.

Diese beide Szenarien können auch jeweils andersrum entstehen – linker Stürmer lässt sich fallen oder rechter Achter rückt auf den Flügel.

Aus diesem 4-4-2 verteidigt Wolfsburg dann aber nicht mannschaftlich, die Spieler agieren individuell und rücken einfach auf den nächsten Gegenspieler raus, ohne dabei von den Mitspielern abgesichert zu werden. Am Flügel führt das dazu, dass Wolfsburg leicht überspielt werden kann und sie aus dem Mittelfeld keinen Druck auf den Gegner ausüben können.

abwehr i

In dieser Szene steht Wolfsburg in einem 4-4-2 und Frankfurt kommt über den Flügel nach vorne. Die markierten Spieler schieben die Situation mannorientiert zu, die restlichen Spieler schieben aber nicht nach.

abwehr ii

Gerhardt konnte mit einem einfachen Doppelpass ausgespielt werden, Knoche hatte seine Position verlassen und muss wieder zurück, um die Lücke zu schließen. Arnold steht nun im Raum und weiß nicht, was er machen soll – zurückweichen und die Lücke schließen oder rausrücken und Druck aufbauen.

Derartige Situationen, in denen Wolfsburg sich am Flügel schlecht verhält, gibt es ständig. Der Gegner kann sich leicht befreien und dann ohne Druck aus dem Halbraum das Spiel fortsetzen. Was Wolfsburg rettet, ist die eigene hohe Intensität und die Schwäche der Gegner. Freie Gegenspieler werden so schnell wie möglich attackiert, die Gegner landen dann häufig auf dem anderen Flügel. In der Folge hat es Wolfsburg mit vielen Halbfeldflanken zu tun, mit Brooks und Knoche gibt es aber zwei Kopfballstarke Innenverteidiger, die auch noch von Guilavogui unterstützt werden können.

Fazit

Die letzten Spiele vor der Winterpause hätten für Labbadias Mannschaft kaum besser Laufen können. Wolfsburg ist ein extrem unangenehmer Gegner, der mit einer hohen Intensität und guten individuellen Qualität in den meisten Spielen eine gute Chance hat zu gewinnen. Ob die Form aus den letzten Spielen aber auch auf die Rückrunde übertragen und aufrechterhalten werden kann, ist – auch wegen des langfristigen Ausfalls von Ginczek – zu bezweifeln.

Quelle Beitragsbild: Von VfL Wolfsburg-Fußball GmbH – Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=42631532

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2 Gedanken zu “Der neue VfL Wolfsburg – Erfolg mit Chaos und Intensität

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