Gegenpressing im Juniorenbereich – Verwendung und Trainierbarkeit

Gegenpressing als Mittel der Ballzurückgewinnung ist ein wesentlicher Bestandteil des heutigen Fußballs, so werden schon Trainer teilweise auf dieses besondere Merkmal ihres Spielstils reduziert und quasi als „Gegenpressing Trainer“ bezeichnet. In besonderer Weise war es vor allem Jürgen Klopp und seine Dortmunder Meistermannschaft, welche in Deutschland zum ersten Mal ein kontinuierliches und effektives Gegenpressing zeigten und sich damit nicht nur national einen Namen machten. „Geplanter Fehlpass“, „Pressingfalle“ etc. waren nun geflügelte und oft verwendete Wörter in der deutschen Trainerausbildung und generell stieg das Interesse an der kollektiven Ballzurückgewinnung. Dortmund, Barcelona und später auch der Champions League Sieger von 2013, der FC Bayern München unter Jupp Heynckes, waren allesamt Leitbilder und gleichzeitig auch Vorreiter für den Jugendfußball, wo nun viele Trainer dem Trend folgten und das Gegenpressing in ihr Training und ihre Spielweise übernahmen. Inwieweit Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Senioren- und Jugendfußball auftreten, in der Art und Weise wie es im Spiel praktiziert und im Training trainiert werden kann, werde ich im folgenden Artikel näher erläutern und dabei auch immer wieder eigene Erfahrungsberichte meiner eigenen Mannschaft (U13) mit einfließen lassen.

Verwendung und Nutzen im Jugendfußball

Das Gegenpressing solle zum Instinkt werden, bei dem alle sofort mitziehen ohne nachzudenken, so beschreibt Martin Rafelt (Autor Spielverlagerung.de) die Idealvorstellung der individuellen und kollektiven Umsetzung im Spiel. Sicherlich ein Punkt, wo es früh genug anzusetzen gilt, denn ein ähnlicher Instinkt ist schon im Jüngsten Fußballeralter zu erkennen, wenn alle Jungs und Mädchen auf dem Platz einen einzigen Ball hinterherjagen und es nicht tolerieren, wenn auch nur ein anderer Spieler, wohl selbst der Spieler der eigenen Mannschaft, den Ball besitzt. Diesen Instinkt gilt es weiter aufzunehmen und kann als Grundtugend im Kinderfußball angesehen werden, so sollte jeder Spieler versuchen, den Ball nach Ballverlust sofort zurückzuerobern.

Taktiktheorie des Gegenpressings

Rene Maric (Spielverlagerung.de und Co – Trainer RB Salzburg) gibt hier und in weiteren Artikeln einen überragenden Überblick über das Gegenpressing und geht hierbei in jedes einzelne Detail ein, welche mit dem Gegenpressing verbunden und somit auch trainiert werden kann. Nun gilt es aber weiter zu selektieren, weil die Komplexität, mit der ein kollektives, perfekt umgesetztes, Gegenpressing verbunden ist, einen Jugendspieler im Bereich U13 z.B. schlicht überfordern würde und die zum Training verwendete Zeit vielfältiger genutzt werden sollte. Nichtdestotrotz ist es auch in diesem Altersbereich von besonderer Bedeutung den Nutzen und die grobe Umsetzbarkeit aufzuzeigen, so dass sich festgefahrene Verhaltensweisen entwickeln können und über die weiteren Fußballerjahre behalten werden, so kann im älteren Juniorenbereich die Gruppen- und Mannschaftstaktische Umsetzung näher erläutert und trainiert werden.

Schaut man hierbei u.a. in die Jugendabteilung der RB Vereine, zeigt sich schon in jüngsten Jahren, dass das Gegenpressing ein geflügeltes Wort ist und die Umsetzung schon in Fleisch und Blut übergegangen ist.

In der weiteren Selektierung gilt es nun zu sondieren, was man den jungen Spielern und Spielerinnen zumuten mag und in welchen dosen dies geschehen kann.

„Das Spiel ist eine unteilbare Einheit, es gibt keinen defensiven Moment ohne angreifenden Moment. Beide kreieren eine funktionale Einheit.“ – Juanma Lillo

Der Zusammenhang des Spiels und der einzelnen Spielphasen sollte den jungen Spielern und Spielerinnen relativ früh klar gemacht werden, so bedingt eine Phase die Andere und umgekehrt. Die Positionierung auf dem Feld als Kollektiv wird immer einen sofortige Auswirkung auf das Verhalten nach Ballverlust haben, so scheint es von großer Bedeutung, dass grobe positionelle Vorgaben wichtig sind und den Spielern als Hilfe dienen, allerdings ist die genaue Positionsfindung von jedem Spieler immer auch individuell zu wählen. Als unterstützendes Prinzip gibt es bei meinen Spielern immer den sogenannten „safety Player“, welcher den ballführenden Spieler absichert, aber gleichzeitig auch als Rückpassoption dient.

Des Weiteren hilft die Unterteilung in ballnahe und ballferne Spieler, so können die Spielerinnen und Spieler ganz gut selbst einschätzen, ob sie nun Teil der Ballrückeroberung sind oder eher zur Absicherung da sind, falls das Gegenpressing überspielt werden sollte.Spieler, welche sich unmittelbar um den Ballführenden befinden, sind direkt am Gegenpressing beteiligt und versuchen den Ball zurückzuerobern. Spielerinnen und Spieler, welche sich ballfern befinden, dienen der Absicherungen der gegenpressenden Spieler. So sollten sich z.B. der ballferne Außen nach hinten und innen bewegen und so Teil der Restverteidigung werden. Die weiteren Spieler wie z.B. die IVs ordnen sich sofort den unmittelbar in der Nähe befindlichen Spielern zu oder sichern den sich zuordnenden Mitspieler ab.

Sollte das Gegenpressing nun aber doch überspielt werden, so gilt es an die Kollektivität einer Mannschaft zu appelieren und bestmöglich sich an Marcelo Bielsa und Leeds United in dieser Szene zu orientieren:

gegenpressing leeds

Leeds wurde in dieser Szene am gegnerischen Strafraum überspielt und der Gegner hatte viel Raum bis zum Tor von Leeds vor sich. Direkt nach Ballverlust sprinteten nahezu alle Spieler zurück und gewannen schlussendlich den Ball.

Kommt die Mannschaft nicht in das Gegenpressing oder werden sie überspielt, sollten sie schnellstmöglich versuchen Richtung Tor zu fallen bzw. hinter den Ball zukommen und Rückwärts zu pressen. Diese Verhaltensweisen können relativ schnell zum Instinkt werden.

Geht man nun vermehrt ins Detail und möchte auch noch gewisse Deckungsarten implementieren, sollte man auch hier Bedenken, dass Jugendfußballer nur begrenzt Informationen aufnehmen können und hier der Leitsatz gelten sollte, dass weniger mehr ist. Nichtsdestotrotz ist es wünschenswert, auch schon im U13 Bereich gewisse gruppentaktische Abläufe mit Einfließen zu lassen, es aber dennoch so einfach wie möglich zu halten. Zunächst gilt immer, dass der ballnächste Spieler sofort zu attackieren hat, der Raum um den Ball sollte unmittelbar verengt werden und anspielbare Optionen durch Manndeckung oder Deckungsschattennutzung versperrt werden. Dabei geht es eher um eine Mischung aus verschiedenen Deckungsarten, wie dem ballorientierten Gegenpressing und dem spielraumorientierten Gegenpressing, zum Teil auch des mannorientierten Gegenpressing. Die Spieler sollen also eine Entscheidung im Moment des Ballverlustes treffen und die in der Situation bestmögliche Variante wählen, um zu verhindern, dass der Gegner aus dem Gegenpressing herauskommt. Sowohl spielraum- als auch ballorientertes Gegenpressing sind relativ schnell instinktiv umsetzbar und somit gut vermittelbar, wenn es um den Bereich Jugendfußball geht.

Auf individueller Ebene sind es ganz ähnliche Prinzipien, wie sie auch im Angriffspressing bei mir vermittelt werden. Die strategisch wichtige Mitte sollte bestmöglich versperrt werden und der Gegner nach Außen geleitet werden. Damit der Gegner so wenig Zeit wie nur möglich zur Entscheidungsfindung hat, sollte der attackierende Spieler im höchsten Temp durchlaufen, damit die Spieler, welche sich unmittelbar in der Nähe befinden, den möglichen losen Ball aufsammeln können. Zu beachten sind die Nutzung des Deckungsschattens und die damit verbundene gute Orientierung, schon bevor der Ballverlust überhaupt geschehen ist. Eine gute Orientierung ist jedem einzelnen Bestandteil des Spiels von höchster Bedeutung.

gegenpressing u13

Diagonales Anlaufen im Sprint aus der Mitte heraus. Gegner wird nach außen gedrängt und der Spieler im Rücken befindet sich im Deckungsschatten.

Besonders im Jugendbereich erscheint das Gegenpressing von besonderer Wichtigkeit, so sind unerfahrene Spieler jüngeren Alters nicht besonders pressingsresistent und kann mit dieser extremen Stresssituation nicht besonders gut umgehen, weil es ihm entweder technisch nicht möglich ist oder er zu wenig Erfahrung mit möglichen Lösungsstrategien hat. Nicht außer Acht zu lassen ist aber auch das weniger gute koordinierte Gegenpressing, weshalb es indiviuell starken Spielern sicherlich auch möglich sein sollte, sich aus dem Gegenpressing befreien zu können.

Trainierbarkeit und Spielformen

Grundsätzlich lässt sich das Gegenpressing fast in jeglichen Spielformen mittrainieren bzw. kommt es immer auch darauf an, worauf der Fokus des Coachings gesetzt wird. Jedoch haben wir die Wichtigkeit der Struktur im Ballbesitz auf das Gegenpressing schon erläutert, weshalb das Gegenpressing in den allermeisten Ballbesitzspielformen auch mittrainiert wird, wenn gewünscht. So können die folgenden vorgestellten Spielformen auch für ganz andere Schwerpunkte benutzt werden.

6 vs. 3 – Deckungsschatten

6 vs. 3 deckungsschatten

Aufbau:
Das Spielfeld hat ein größeres äußeres Quadrat und ein kleineres inneres Quadrat, welches durch Dummys oder wahlweise Hütchen abgegrenzt wird. Um das äußere Quadrat sind 4 Minitore, die diagonal zum Spielfeld aufgebaut werden.

Ablauf:

Rot spielt im 6 vs. 3 gegen Blau, wobei sich 5 Rote außerhalb des Feldes befinden und einer im mittleren Quadrat. Die 3 blauen Spieler dürfen sich nur innerhalb des großen Quadrats bewegen, es sei denn der Ball wird in das kleine Quadrat gespielt, dann ist das Betreten auch dort erlaubt.

1 Punkt für Rot –> Wenn der mittlere Spieler angespielt wird und mit 1/2 Kontakten zu einem Mitspieler passt.

3 Punkte für Blau –> Sobald der Ball gewonnen wird und in eines der Minitore getroffen wird.

Coaching:

Team Rot:

  • schnelle Ballzirkulation, druckvolles Passspiel, schnelle Verlagerungen, Vororientierung zur Mitte, Schulterblick zentraler Spieler
  • Sofortiges Gegenpressing nach Ballverlust, Nutzung des Deckungsschattens (Minitore) –> diagonales Anlaufen

Team Blau:

  • Zustellen der Feldmitte, Deckungsschatten nutzen (Schulterblicke zur Vororientierung)

 

6 vs. 3 Rondo

6 vs. 3 rondo - liniendribbling - gegenpressing

Aufbau:

Ein Quadrat aufbauen mit zusätzlichen Linien zwischen den Hütchen, welche als Dribbellinien fungieren.

Ablauf:

Es spielen 6 Blaue gegen 3 Rote, wobei das blaue Team bei Seitenaus und nach Punktgewinn Rot immer wieder den Ball bekommt. Blau versucht in Ballbesitz zu bleiben und Rot versucht bei Ballgewinn über die Dribbellinie zu dribbeln. Nach Rückeroberung des Balles, wird wieder von vorne gezählt.

1 Punkt Blau –> 8 Pässe in Folge

1 Punkt Rot –> Nach Ballgewinn über die Dribbellinie dribbeln. Kein überspielen etc.Dribbling muss kontrolliert erfolgen

oder 3 Pässe untereinander

Coaching:

Team Blau:

  • Freilaufen, offene Stellung, Vororientierung
  • sofortiges, kollektives Gegenpressing

Team Rot:

  • aktives Pressing als Kollektiv
  • Nutzung des Deckungsschattens, Gegner lenken
  • sofortiges Umschalten nach Ballgewinn

Die Intention das Gegenpressing als Instinkt werden zu lassen, ist entscheidend dafür, dass gewisse Verhaltensweisen in jedem Training vorkommen sollten. So kann, wie in der letzten Spielform gesehen, in jedem Rondo ein herausdribbeln der ballgewinnenden Spieler gefordert werden. Beispielsweise im lustigen Rondo vor dem normalen Trainingsbeginn, wo nur der Spieler aus der Mitte darf, welcher erfolgreich aus dem Quadrat gedribbelt ist.

Literatur

Becker, Christoph: Das Gegenpressing – Wie trainiere ich den besten Spielmacher der Welt?, https://thefalsefullback.wordpress.com/2018/10/25/das-gegenpressing-wie-trainiere-ich-den-besten-spielmacher-der-welt/ (2018)

Burkart, Alexander und Flöß, Martin: Gegenpressing: Anwendung und Probleme im Nachwuchs- und Amateurbereich,  https://abseits.at/in-depth/taktik-theorie/gegenpressing-2-anwendung-und-probleme-im-nachwuchs-und-amateurbereich/ (2013)

Goigitzer, David: Taktik- und Trainingstheorie des Deckungsschattens: http://konzeptfussballberlin.de/2017/01/12/taktik-und-trainingstheorie-des-deckungsschattens/ (2017)

Marić, René: Taktiktheorie: Das Gegenpressing, https://spielverlagerung.de/2015/07/22/taktiktheorie-das-gegenpressing/ (2015).

Marić, René: Unterschiede und Deckungsarten im Gegenpressing, https://spielverlagerung.de/2013/01/04/unterschiede-und-deckungsarten-im-gegenpressing/ (2013).

Marić, René: Taktiktheorie: Gegenpressing, https://abseits.at/in-depth/taktik-theorie/taktiktheorie-gegenpressing-1/ (2014).

Rafelt, Martin: Vollgas-Fussball. Die Fußballphilosophie des Jürgen Klopp (2016).

Turek, Steven: Spiele mit Gegenpressing gewinnen, https://www.steven-turek.de/buecher/aktuelle-taktik-trends/leseprobe-gegenpressing/ (o.J.)

 

 

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2 Gedanken zu “Gegenpressing im Juniorenbereich – Verwendung und Trainierbarkeit

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