Ein Ding der Unmöglichkeit

Pep Guardiola befindet sich momentan in einer ungewohnten Situation. Sein Team aus Manchester führt die Tabelle der Premier League nicht an, was aufgrund der Stärke des FC Liverpool nicht unverdient ist. Im Champions League-Achtelfinale treffen die Cityzens auf den FC Schalke 04. Auch wenn sich Pep vor dem Duell wie gewöhnlich in Understatement üben wird: Alles andere als ein Weiterkommen des englischen Meisters wäre eine Sensation. Manchester City ist dem FC Schalke 04 in allen Belangen überlegen und wird das Viertelfinale auch mit einer durchschnittlichen Leistung erreichen können. Dennoch verfügen die Skyblues über kleinere Schwächen, auf welche wir im Folgenden detailliert eingehen werden.

Citys Saison 2018/19

Zu Beginn der Saison schien der amtierende englische Meister erneut uneinholbar. Während sich die gegnerischen Fans über den Sommer Hoffnungen machten, dass die Cityzens unter den zahlreichen WM-Fahrern leiden würden, machten diese einfache genauso weiter wie sie zwei Monate zuvor aufgehört hatten. Bereits im Community Shield Anfang August bekam dies der FC Chelsea zu spüren. City reichte eine durchschnittliche Leistung zu einem komfortablen Sieg. City gewann seine Spiele zu Saisonbeginn nicht nur regelmäßig, sondern auch extrem abgezockt, verdient und rational.

Zwar gewann auch Klopps FC Liverpool seine Spiele, machte aber nicht den Eindruck, als könnte es auf Saisondistanz mit dem Titelverteidiger mithalten. Da die Reds seit Klopps Ankunft jedoch immer dazu in der Lage waren, City empfindliche Niederlagen beizubringen, entwickelte sich Anfang Oktober ein komisches Austangieren der beiden Titelfavoriten. Riyad Mahrez vergab wenige Minuten vor Schluss den Sieg, als er einen Foulelfmeter verschoss. Nachdem City im Dezember gegen den FC Chelsea verlor und damit die Tabellenführung einbüßte, gelang es ihnen nicht mehr so konstant zu punkten. Es folgten ungewöhnliche Niederlagen gegen Crystal Palace und Leicester, die durchaus verdient waren. Im Dezember gelang es City nicht konstant, sich gute Torchancen herauszuspielen, wie in den Monaten zuvor. Dies zeigt auch ein Blick auf die Expected Goals. Im Januar gelangte der englische Meister dann jedoch zu gewohnter Dominanz zurück und ist inzwischen punktgleich mit dem LFC, der jedoch noch ein Spiel mehr zu absolvieren hat.

 

Achillesferse Außenverteidigung

Dennoch hat Peps Team im Vergleich zum Vorjahr an Dominanz eingebüßt, da sich die Gegner inzwischen besser auf die momentane Spielweise seiner Mannschaft einstellen. Während er in den vergangenen Jahren regelmäßig verschiedene Systeme spielen ließ, hat er sich in Manchester momentan auf ein 4-1-4-1 festgelegt. Zu Beginn der Saison hatte er noch mit Dreierkettensystemen spielen lassen, darunter ein sehr interessantes 3-Raute-3 am ersten Spieltag gegen Arsenal. Einer der Hauptdarsteller war hierbei der unermüdliche Benjamin Mendy auf der linken Abwehrseite. Es schien als könnte der lange verletzte Weltmeister dem Team zur neuen Saison eine weitere bedeutsame Facette verpassen. Nach einer Knieverletzung Ende November musste er sich einer Operation unterziehen und hat seitdem kein Premier League-Spiel mehr absolviert. City konnte mit den Aushilfslinksverteidigern Fabian Delph, Danilo und Oleksandr Zinchenko bisher zu keinem Zeitpunkt dasselbe Niveau erreichen, wie zuvor mit Mendy. Demzufolge ist die Linksverteidigerposition bei den Skyblues definitiv als Achillesferse anzusehen.

Allgemein steht die Abwehr der Cityzens seit einiger Zeit nicht mehr annähernd so sicher, wie das noch zu Beginn der Saison der Fall war. Auch Rechtsverteidiger Kyle Walker befand sich zwischenzeitlich im Formtief. Ersatzmann Danilo ist ein athletisch guter Außenverteidiger, hat aber keinesfalls dieselbe Qualität wie ein Walker in Topform. Der FC Schalke könnte mit Flügelangriffen wohl am meisten für Gefahr sorgen. Bereits beim letztjährigen Ausscheiden in der Champions League gegen Liverpool war das überdeutlich. Walker und Delph wirkten überfordert mit der Geschwindigkeit von Salah, Mané und Firmino. Nüchtern betrachtet fehlt Schalke diese Qualität aber schlichtweg. Es ist schwer vorstellbar, dass Domenico Tedesco Neuzugang Rabbi Matondo starten lässt, der die potenziell anfälligen Außenverteidiger der Skyblues  mit seinem Tempo unter Druck setzen könnte. Das wäre jedoch einer der wenigen Bereiche, in denen City tatsächlich verwundbar wirkt.

 

GrundformationCity
Citys Grundformation im 4-1-4-1 mit einrückenden Außenverteidigern und breiten Mittelfeldaußen. Das Einrücken der Außenverteidiger sorgt für großen Raum neben den Innenverteidigern, der im Konterangriff vom Gegner attackiert werden kann.

 

Einrückende Außenverteidiger und Variation der Aufbaustruktur

Tatsächlich kann sich Tedesco jedoch vermutlich leichter auf seinen Gegenüber einstellen, als das in den vergangenen Saisons der Fall war. Guardiolas Manchester spielt seit mehreren Monaten stets in einem 4-1-4-1/4-3-3, welches bekanntermaßen über die meisten Dreiecke aller Formationen verfügt. Daher ist das 4-3-3 für alle Teams, die ein Positionsspiel praktizieren, die perfekte Basis. Was City und Guardiola jedoch von vielen anderen Mannschaften abgrenzt ist die Rolle der Außenverteidiger im Ballbesitz. Diese rücken wie schon zu Peps Münchner Zeit gerne in den Halbraum ein, um eine Überzahl im Zentrum herzustellen.

Dagegen halten die Flügelspieler die Breite und ziehen die gegnerische Abwehrkette weit auseinander. Wie wir bereits in unserem Bericht zum Liverpool-Spiel im Oktober aufzeigten, variiert die Rolle der Außenverteidiger jedoch ständig. Je nach Spielsituation oder Gegnerausrichtung passen die Außenverteidiger ihre Rolle und Positionierung an und können auch einmal klassisch breiter stehen. So entstehen flexibel 2-3- oder 3-2-Staffelungen, auf die sich der Gegner ständig neu ausrichten muss. Wer Domenico Tedesco kennt, weiß auch, dass der Schalker Trainer seinem Team für jede Aufbaustruktur eine passende Pressinganpassung mitgeben wird. Ob die Schalker dies allerdings passend umsetzen können, ohne City Raum hinter den ersten beiden Pressinglinien zu eröffnen, erscheint fragwürdig. Denn auch diesen Raum besetzen die Cityzens anhand der Richtlinien des Positionsspiels normalerweise umsichtig.

Probleme gegen tiefen Block

Neben der defensiven Anfälligkeit der Außenverteidiger zeigte sich hier aber in der Offensive der wohl größte Schwachpunkt der Skyblues im Spieljahr 2018/19. Während Flügelangriffe mit anschließenden flachen Hereingaben einen fast schon unheimlich maschinellen Eindruck erwecken, fehlte City in ihren schwächeren Spielen der Zugang zum Zehnerraum. Dessen Besetzung nimmt in Guardiolas Philosophie einen zentralen Stellenwert ein, da von hier bekanntermaßen die meisten Tore entstehen. Wenn Teams wie Palace und Leicester sich jedoch im tiefen Block verschanzten und den Zugang zum Zehnerraum versperrten, wurde Citys Spiel oft zu flügellastig und durchsichtig. Die Achter holten sich den Ball oft in den Sechserräumen ab um aus dem Halbraum diagonal anzutreiben. So gelang es allerdings bei den genannten Niederlagen im Dezember nicht, für Dynamik im Angriffsspiel zu sorgen.

LeicesterMCFC
Leicester beschützte am zweiten Weihnachtsfeiertag massiv die Halbräume. City fand dagegen kein Mittel. De Bruyne und Bernardo Silva kippten heraus, um diagonal anzutreiben. Somit war der strategisch wichtige Zehnerraum allerdings unterbesetzt.

Wenig Hoffnung für Königsblau 

Die Saison 2018/19 geht nun in die heiße Phase. Manchester City hat in dieser Saison erst vier Spiele verloren. Gegen Chelsea war man lange Zeit die bessere Mannschaft und verlor durch einen Sahne-Angriff nach Sarris Gusto, sowie eine Standardsituation mit 0:2. Crystal Palace, Leicester City und Newcastle United gelang es durch tiefes Verteidigen und Beschützen der Halbräume, Siege einzufahren. Doch nur um das nochmals klarzustellen: Pep Guardiola und seine Mannen machen abgesehen von diesen Ausrutschern immer noch (fast) alles richtig.

Ohne den FC Liverpool würde man auch in dieser Saison wieder einsam seine Kreise ziehen. Es bedarf schon sehr viel Detailanalyse um wirkliche Schwächen im System der Cityzens zu finden. City drückt gegen sehr viele Teams wie eine Dampfwalze ihr System durch und überrennt den Gegner. Durch die Variation der Aufbaustruktur sind sie darüber hinaus noch schwieriger auszurechnen und können das grundsätzlich stabile 4-1-4-1-System situativ variieren. Die Skyblues gehören zum engsten Favoritenkreis der Champions League. Der FC Schalke 04 braucht realistisch betrachtet ein Fußballwunder der größeren Sorte, um ins CL-Viertelfinale einzuziehen. Erfolgsversprechend wirkt ein sehr tiefes Pressing im 5-4-1, 4-5-1 oder 4-1-4-1, mit dem Schalke den Cityzens den Zugang zum Zehnerraum versperren muss. Bei Ballgewinn müssen zielstrebig die Räume hinter den defensiv anfälligen Außenverteidigern attackiert werden, um mit Konterangriffen zum Erfolg zu gelangen. Da Schalke jedoch Lichtjahre zur Kompaktheit der vergangenen Saison, sowie herausragende Tempospieler auf den Flügeln fehlen, bleibt wenig Hoffnung für Königsblau.

 

 

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2 Gedanken zu “Ein Ding der Unmöglichkeit

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